Portrait: Yves Chikuru – Märchenerzähler

Yves Chikuru

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Wäre er in Tirol gewesen, hätte aus seiner Schlagerkarriere vielleicht etwas werden können, spekuliert Yves Chikuru. Doch hier in Wien hören einfach zu wenig Menschen Schlager.  Nicht zuletzt deshalb hat er seine Musikerkarriere nicht weiterverfolgt. Dabei ist er für Österreich mit seinem Lied „Mama“ beim Grandprix der Volksmusik im Jahr 2009 angetreten. Doch er lebt gerne in Wien, besser gesagt in Meidling oder noch besser gesagt am Schöpfwerk. „Wien ist anders, Meidling ist besonders“, sagt er schmunzelnd. „Vor allem am Schöpfwerk fühle ich mich wohl. Man fühlt sich lebendig – bei all den Konflikten, die wir haben.“ Wenn man mit ihm durch das Schöpfwerk spaziert, wird spürbar, wie gut verankert er dort ist.

„Am Schöpfwerk sind wir eine Stadt in der Stadt. Was mir gut gefällt ist, dass wir ganz in der Mitte wohnen, wo keine Autos reinkommen. Das ist etwas Wunderbares! Die Kinder schreien, sie spielen, sie drücken sich aus, sie laufen herum. Also: Man lebt! Mit der Bassena haben wir außerdem ein soziales Zentrum, das uns zusammenbringt. Deswegen fühle ich mich dort wohl, deswegen fühle ich mich in Meidling sehr wohl.“ Yves Chikuru

Das Lied, mit dem Chikuru beim Grandprix angetreten ist, hat er seinen Müttern gewidmet. Eine von ihnen, nämlich seine leibliche Mutter, war auch eine wesentliche Inspirationsquelle für das, was Chikuru nun macht: Kindern und Erwachsenen Märchen erzählen. Es sind die Märchen, die ihm seine Mutter erzählt hat, als er noch ein Kind war. Mit dem Erzählen begonnen hat er, als sie im Jahr 2010 starb. Sie hat für ihn sehr viel auf sich genommen. Denn Chikuru kam nach Wien, weil er eine schwere Krankheit hatte. Alles hatte seine Mutter versucht, um herauszufinden, warum der Hals ihres Sohnes immer wieder so anschwoll. Gemeinsam pilgerten sie von seiner Heimatstadt Bukavu aus, die in der Nähe der Grenze zu Ruanda liegt, von Arzt zu Arzt. Oft mussten sie kilometerweit zu Fuß gehen, nur manchmal hatten sie genug Geld für ein Auto. Auch mit afrikanischen Heilmethoden versuchten sie es – und mit beten. Doch weder fand man heraus, was ihm fehlte, noch konnte man ihm helfen.

In Kinshasa traf er seinen Onkel, der eine Österreicherin geheiratet hatte. Die beiden beschlossen, ihn nach Wien zu holen. Chikuru selbst war nicht überzeugt, da er kurz zuvor gemeint hatte, eine Wunderheilung erlebt zu haben. Aber er ließ sich überreden und machte sich auf den Weg in den Norden. Im September 1989 landete er in Wien und sein erster Eindruck war ein kalter: „Das waren meine ersten 16 Grad. Ich habe gezittert wie noch nie!“ Seiner Tante holte ihn vom Flughafen ab. Sie wurde zu seiner zweiten Mutter, für die er das Grandprix-Lied „Mama“ geschrieben hat.

Die Entscheidung für die Wien-Reise war richtig, denn nur wenig später fing sein Hals wieder zu schwellen an. Immerhin fand man in Wien die Ursache: Krebs. Damit konnten die Behandlungen beginnen. Schon zuvor hatten sein Onkel und seine Tante die Adoption beantragt. Als er im Spital lag, ereilte ihn die gute Nachricht: „Da ist der Brief vom Notar gekommen, dass die Adoption genehmigt wurde. Für mich ist das kein Zufall, ich verbinde viel mit Gott.“ Gott ist ein wesentliches Thema für Chikuru, und zwar nicht nur im Zusammenhang mit seiner Krankheit. Die Tatsache, dass er im Laufe seines Lebens so viele liebe Menschen kennengelernt hat und so oft Glück hatte, führt er auf eine höhere Kraft zurück.

In Wien blieb er zunächst, weil die Behandlungen einige Jahre dauerten, anschließend musste er regelmäßig zu Kontrollen. Er belegte die Abendschule am TGM und begann danach „zu arbeiten, zu arbeiten, zu arbeiten.“ Dann verliebte er sich und heiratete, inzwischen hat er mit seiner Frau zwei Kinder – und sie haben eben im Schöpfwerk ihr zu Hause gefunden.

„Es kommt für jeden Mensch der Moment, wo man zurückblickt: Wie war es in Afrika? Wie war die Mutter, die dich großgezogen hat? Dann kommst du hierher und eine andere Frau nimmt dich auf. Es ist wirklich so: Ich wurde von einer Hand in eine andere getragen. Da fing ich an Texte zu kraxeln.“ Yves Chikuru

Schlager hatten ihn immer schon fasziniert, erzählt er: „Die sind so melodiös. Und sie haben etwas Traditionelles an sich, mit dem ich mich identifizieren konnte. Ich dachte mir, dass ich in diesem Rhythmus gern vielleicht irgendwas machen würde.“ Auf Initiative seiner Adoptiv-Cousine Tini Kainrath wurde er bei einem Schlager-Produzenten vorstellig. Sie nahmen ein Demo auf und im Jänner 2008 rief der Produzent an und fragte: „Könntest du dir vorstellen, mit diesem Lied beim Grandprix der Volksmusik dabei zu sein?“ Heute noch sagt er: „Das war ein Traum.“ Als Nummer Sechs der österreichischen BewerberInnen trat er dann an.

Auch heute noch tritt er mit seinen Schlagern auf. Außerdem macht er gerade Illustrationen zu seinen Märchen, die bald als Buch erscheinen sollen. Märchenerzählen und –schreiben ist für ihn ein Nebenerwerb. Natürlich hätte er nichts dagegen, wenn sie zur Haupteinnahmequelle würden. Sein derzeitiger Hauptberuf als Industriemonteur bei Siemens nämlich hat ein Ablaufdatum. Erneut ist es seine verstorbene leibliche Mutter, die ihm als Inspirationsquelle dient: Nach ihrem Rezept macht er Ananas- und Bananenwein. Schon bald will er diese Getränke professionell vertreiben. (Sonja Fercher)

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