Portrait: Christian Chvosta – Milchbart

Christian Chvosta - Milchbart

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Sein Sinn für Ästhetik spricht schon aus der Art, wie er die Gerichte serviert: Wasser und Suppe kommen in alten Einweckgläsern auf den Tisch, die Speisen auf länglichen, weißen Tellern oder Schieferplatten. Kein Wunder, denn Christian Chvosta hat an der Graphischen in Wien maturiert. Seine Kamera liegt auch heute noch griffbereit im Lokal, seinen Lebensunterhalt verdient der 29-Jährige aber inzwischen damit, seinen Gästen leckere Speisen auf den Teller zu zaubern. Im Sommer 2012 hat er das Lokal „Milchbart“ am Meidlinger Markt eröffnet. Gekocht hat er immer gern, er selbst nennt es sogar eine „beinharte Leidenschaft“. Diese scheint ansteckend zu sein, denn inzwischen raufen sich die Gäste zu Mittag geradezu um die Sitzplätze.

Viele seiner Gäste kennen sich, die Neuen werden meistens schnell integriert. Dabei hat Chvosta oft selbst seine Finger im Spiel: „Wenn die Gäste mal warten müssen, weil ich noch nicht mit dem Kochen fertig bin, stell ich sie einfach einander vor: ‚Hallo, Du machst das. Du machst das. Ihr könntet Euch was zu sagen haben’“, erzählt er. „Das ist wie am Dorfplatz!“, sagt ein Gast begeistert. Mit seiner offenen Art hat der junge Lokalbesitzer ein richtiges Grätzl-Gefühl geschaffen.

„Egal, wo ich gearbeitet habe: Überall war eine so überprofessionalisierte Atmosphäre. Deshalb habe ich beschlossen: Wenn ich mal was Eigenes mach, dann nie so! Das ist vielleicht auch ein Grund, warum sich die Leute wohlfühlen.“ Christian Chvosta

Die familiäre Atmosphäre wird gerade von jenen geschätzt, die selbst in Meidling leben und sich offensichtlich schon lange nach einer so vertrauten Umgebung gesehnt haben – und die noch dazu gerne gut essen. Eine Speisekarte gibt es nicht, denn Chvosta kocht jeden Tag etwas anderes. Gleich ist nur, dass es immer eine Vor- oder Nachspeise sowie ein Hauptgericht gibt. Einmal in der Woche lässt er seine Gäste auf facebook über das Menü am Freitag abstimmen. Futterwurlitzer nennt er das. In seine Menüs lässt Chvosta immer seine Kreativität einfließen. „Habe ich Euch schon einmal Gulasch gekocht?“, fragt er auf facebook und spekuliert mit Fladenbrotlimettenknödeln und anderen, lecker klingenden Beilagen und Nachspeisen. Verkocht wird, was es frisch am Markt gibt. Eines betritt er mit „Mozarella-Rettich“ das Lokal und erklärt begeistert: „Das ist so toll da: Man bekommt Dinge, die man sonst nie kriegen würde.“

Doch was hat den jungen Mann, der übrigens selbst in Ottakring wohnt, ausgerechnet an den Meidlinger Markt verschlagen? Es ist eine Geschichte voller Umwege. Per Zufall landete er nach der Matura in der ersten Restaurantküche: Er traf einen Freund, der bei den Drei Husaren eine Kochlehre machte. Das erstaunte ihn zunächst, er ließ sich aber überzeugen und ging dort ebenfalls in die Lehre. „Da bin ich draufgekommen: Cooler Scheiß!“ Seine Lehrzeit und die Jahre, die er danach in der Küche der Drei Husaren verbrachte, waren für ihn eine „großartige Zeit“, wie er sagt. Als diese ihr Ende fand, schipperte er zwei Jahre Jahre lang als Kreuzfahrt-Fotograf über die Meere.

„Ich bin einfach immer nur dem gefolgt, was ich machen wollt.“ Christian Chvosta.

Zurück in Wien wollte er sein Glück als Fotograf versuchen. Doch die Rechnung ging nicht auf und für ihn brach eine schwierige Zeit an. Als Chvosta im Winter 2011 mitten in einem Tief steckte, rief auf einmal sein Vater an: „Du wolltest doch immer ein Lokal aufmachen. Da gibt´s was Billiges, schau Dir das an!“ Also stiefelte er los und besichtigte den gerade leer gewordenen Stand am Meidlinger Markt. „Das war die urabgeranzte Kebap-Hütte“, beschreibt er unverblümt. Aber er sah das Potenzial und entschied fast fatalistisch: „Schlimmer kann´s nimmer werden!“

Zwei Monate lang raubte ihm seine Entscheidung den Schlaf. Dazu kamen die Renovierungsarbeiten mitten im Winter: „Bei Minus zehn Grad habe ich mit meinem Papa gesägt, Wände niedergerissen und alles gemacht. Es war wirklich eine Hammerzeit!“ Das Gewerberecht brachte ihn dann fast ins Straucheln. So manche Geschichte, die Chvosta zu erzählen hat, klingt nach Schildbürgerstreichen. Insgesamt summieren sich die Strafen wegen Verletzungen des Gewerberechts auf mehrere hundert Euro. Rückblickend sagt er über seine Anfangszeit: „Das war die ärgste Hölle!“ Doch er hat sich rausgekämpft. Von seinen Gästen scheint er sich die positive Energie zu holen, um weiterzumachen.

Die enge Bindung, die er zu seinen Gästen aufgebaut hat, gibt ihm auch eine gewisse Narrenfreiheit: „wegen ‚ich komm nicht aus dem Bett’ heute geschlossen“, erfahren sie auf facebook, als sie eines Tages vor verschlossenen Türen stehen. Ob er sich nicht Sorgen mache, dadurch Gäste zu verlieren? „Heutzutage müssen eh alle am laufenden Band arbeiten und wünschen sich ein bisschen mehr Freiheit.“, meint er. „Die, die herkommen, verstehen das auch meistens.“ Das Gerangel um die Plätze im Lokal gibt ihm Recht.

„wenn ihr ideen habt, wünsche, oder was auch immer – HIER ist EURE möglichkeit – den meidlinger markt zu einem schöneren, wohlschmeckenderen ort zu machen :))“ Eintrag auf der facebook-Pinnwand

 Inzwischen hat man auch im Bezirk erkannt, welchen Wert das Milchbart für Meidling hat. Unterstützung bekommt er außerdem von seinen Gästen: Auf der Theke hat er eine Spendenbox aufgestellt, um seine Schulden bei den Behörden so bald wie möglich loszuwerden. Nach wie wird gespendet, denn immer mehr Menschen können oder wollen es sich nicht vorstellen, dass es das Milchbart eines Tages nicht mehr geben könnte. Immerhin sind er und das Milchbart inzwischen geradezu eine Institution am Meidlinger Markt. (Sonja Fercher)

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