Portrait: Barbara Pitton – Lobinger Lederwaren

„Können sie das reparieren?“, fragt eine Kundin und legt eine Geldbörse auf den Tresen, die schon sehr mitgenommen aussieht. Barbara Pitton öffnet sie, begutachtet sie von außen und innen und sagt dann anerkennend: „Das ist ein wirklich schönes Stück!“ Das Problem sei aber, dass das Material schon sehr brüchig sei und es bei den Reparaturen kaputt gehen könne. Die Kundin nimmt das Risiko in Kauf und hinterlässt Pitton auch noch eine größere Ledertasche, an der sie ebenfalls sehr zu hängen scheint. „Mir machen diese Arbeiten am meisten Spaß“, meint die TaschnerInnen-Meisterin. Pitton ist Chefin von „Lobinger Lederwaren“, sie hat den Betrieb erst vor kurzem von ihrem Vater Josef Lobinger übernommen und führt ihn nun in dritter Generation. „Die Fachwerkstätte des Ledergalanteriewaren, Taschner & Sattler Gewerbes“ heißt die ausführliche Bezeichnung der Firma. Gegründet wurde sie im Jahr 1948 von Pittons Großvater. Damals gab es in Wien noch 800 Betriebe, wie Pittons Vater erzählt. Heute stehen nur noch 18 auf der Liste der Wiener Innung.

Barbara Pitton - Lobinger - fotografiert von Sebastian Philipp

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„Wir haben Ledergalanterie gelernt, das sind also die feineren Sachen, Gürtel und eingeschlagene Taschen. Der Taschner macht eher gröbere Sachen wie Aktentaschen, kleine Koffer oder Einkaufstaschen. Und dann gehört noch Sattler und Riemer dazu, wobei der Riemer der älteste Beruf ist.“ Josef Lobinger

Barbara Pitton ist eine zurückhaltende Person, während ihr Vater geradezu aufblüht, wenn er auf die Geschichte seiner Firma angesprochen wird. Josef Lobinger hat aber auch viel zu erzählen: Über die Familiengeschichte, die Geschichte des eigenen Unternehmens und nicht zuletzt über die Geschichte Meidlings selbst. Früher sei die Schönbrunner Straße sehr belebt gewesen: „Bis in die 60er Jahre war hier ein Geschäft neben dem anderen“, erinnert er sich. Am Wochenende wären die Menschen auf dem Weg nach Schönbrunn dort vorbei flaniert. Sein Vater Josef Lobinger Senior sei deshalb sehr darauf erpicht gewesen, dort sein Lokal zu haben.

Angefangen hatte der Senior nämlich in einer Werkstätte in jenem Haus, in dem die Familie wohnte. Später übersiedelte die Firma in die Tivolistraße und von dort aus dann in die Schönbrunner Straße. Der Senior träumte davon, ein Geschäftsmann zu sein. Dem Junior wiederum lag mehr am Handwerk und zog sich aus dem Handel „völlig zurück“. Barbara Pitton führt die Firma in dieser Tradition fort. Das Geschäft ist nur vormittags geöffnet, die Nachmittage verbringt sie in der Werkstatt, wo sie gerne in Ruhe arbeitet. Ihr Vater will von seiner Leidenschaft offensichtlich noch nicht lassen und ist oft in der Werkstatt und unterstützt seine Tochter. Die Atmosphäre in der Werkstatt ist sehr entspannt, die beiden sind immer zu einem Scherz aufgelegt und freuen sich über neugierige Fragen zu ihrer Arbeit. Dabei sprechen sie mitunter auch die Sätze des anderen fertig.

„Heute gibt es nur noch Einzelkünstler…“ Josef Lobinger.  

„…wie uns.“  Barbara Pitton.

Sieht man sich in den zwei kleinen Räumen um, kann man so einige Schätze entdecken. In der Werkstatt reihen sich Kartons mit Lederwaren auf einem Wandregal aneinander, an einer anderen Wand hängen Werkzeuge und Utensilien für die Arbeit, im Raum stehen mehrere schmucke Maschinen. Im Geschäftslokal wiederum stehen in den Regalen die Lederwaren, die repariert oder restauriert werden sollen. Im Schaufenster steht eine dekorative, alte Maschine sowie einzelne Lederprodukte. Lobinger holt eine Ledertasche aus dem Schaufenster und sagt stolz: „Des is des Masterstickl von meiner Tochter.“ Und er holt auch gleich noch sein eigenes Meisterstück sowie jenes von seinem Vater hervor. „Das ist unsere Raritätenauslage“, kommentiert die Tochter schmunzelnd.

Pitton selbst arbeitet im Moment an einem Trolley, in den sie Gurte einfügt, mit dem die Wäsche zusammengehalten werden soll. Neben Reparaturen von alten Stücken oder der Herstellung von neuen Lederwaren verdient sie ihr Geld damit, Kundenwünsche wie diesen zu erfüllen. Außerdem macht sie Reparaturen von Markenware. Unter anderem für Mandarina Duck, Coccinelle, Furla, Bric´s oder Hugo Boss ist Lobinger Lederwaren eine „autorisierte Werkstätte“, und zwar österreichweit. Sogar aus Bayern werden ihr Stücke zur Reparatur geschickt, wie sie erzählt.

Während Pittons Vater schon in der Werkstatt seines Vaters seine Liebe für das Gewerbe entdeckte, kam diese bei seiner Tochter erst im Laufe der Zeit. Ihre Lehre hat Barbara Pitton bei der Firma Rogner gemacht. „Richtig lieben gelernt habe ich es erst, als ich dort begonnen habe Reparaturen zu machen.“

„Alte Taschen restaurieren, das Auseinandernehmen und wieder Zusammensetzen: Das ist meins, vor allem, wenn es wirklich so wird, wie man sich das vorstellt. Das ist die Kür, das andere ist die Pflicht.“ Barbara Pitton

Die alte Geldbörse und die Tasche ihrer Kundin liegt noch im Regal, für die Restaurierung hat Pitton noch eine Weile Zeit. Arbeiten wie diese machen Pitton nicht nur am meisten Spaß, sie werden auch immer mehr nachgefragt. „Die Leute legen wieder mehr wert darauf, eine Tasche wieder herrichten zu lassen, wenn diese mehr wert ist.“ Es ist wohl einer der Gründe, weshalb Tochter wie Vater der Zukunft des eigenen Betriebs zuversichtlich entgegen sehen. Wenn man die Leidenschaft spürt, mit denen die beiden ans Werk gehen, wünscht man ihnen, dass sie mit dieser Einschätzung recht haben. (Sonja Fercher)

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