Portrait: Arnim Wahls – Phetberg

Das Haus an der Adresse, die im höchstprofessionell wirkenden Internet-Auftritt der Urban Cavaliers angegeben ist, lässt einen ratlos zurück: Vergeblich sucht man nach einem Firmenschild, geschweige denn nach einer Boutique. Diese würde man allerdings erwarten, so überraschend das inmitten dieser Meidlinger Wohngegend auch erscheinen mag. Das ist nur einer von vielen Widersprüchen, den Arnim Wahls ausmacht. Zwar produziert er so klassisches Accessoires wie Stecktücher, die Meidlinger Adresse aber ist seine private, er wohnt dort mit seiner Freundin Daniela Weihbrecht. Von ihrer kleinen Dachgeschoß-Wohnung aus schupfen die beiden das Stecktuch-Geschäft. Weihbrecht macht die Buchhaltung und hilft, “wo Not am Manne ist”, wie sie es ausdrückt.

Arnim Wahls - Online Ausstellung

ZUR ONLINE-AUSSTELLUNG: Arnim Wahls

Es sind keine klassischen Stecktücher, vielmehr spielt Wahls mit dem Widerspruch. Er selbst in der Personalberatung, wo der Anzug die klassische wie erwartete Kleidung des Mannes ist. Ein Stecktuch reiht sich da eigentlich perfekt ein, doch Wahls Stecktücher fallen allein schon wegen der bunten Farben und kreativen Muster heraus, was was genau Sinn seiner Sache ist: „Ich mag an sich lieber unauffällige Kleidung, aber mit ein paar Akzenten drinnen. Bunte Socken oder Schnürsenkel zum Beispiel. Da haben Stecktücher perfekt gepasst.“

„Ich wollte kein klassisches Stecktuch haben, denn das hat einen negativen Beigeschmack: Der graumelierte Herr, vielleicht noch mit nem Adelstitel, der so ein schön gefaltetes, weißes Stecktuch hat. Deshalb sind wir mit den Farben so weit wie möglich davon weggegangen.“ Arnim Wahls

Es ist kein Zufall, dass dem Profi-Webauftritt eine Home-Boutique gegenüber steht. Für beide ist der Verkauf der Stecktücher mehr ein Hobby: „Ich wollte mir nie finanziellen Druck machen, dass ich damit Geld verdienen muss. Sonst schafft man so ein Projekt nicht, ohne sich an die Masse anzupassen“, sagt Wahls. Das Stecktuch hat Wahls in Wien entdeckt: „Hier tragen eigentlich viele Leute Einstecktücher und sie sind mir hier das erste Mal als Accessoire aufgefallen.“ Genauso international, wie die Absatzmärkte ist die Produktion. Die ersten Designs haben Wahl und Weihbrecht gemeinsam gemacht. Die anderen kommen von Designern aus den USA, Kanada und Großbritannien, die sie im Internet gefunden haben.

Firmen zu finden, die Seidentücher bedrucken, ist nicht leicht, wie Wahls erzählt. In den USA wurde er fündig. Einmal bedruckt geht die Ware nach Italien. Dort wiederum hat Wahls eine Werkstatt gefunden, welche die Tücher zu akzeptablem Preis und in guter Qualität „rollierte“, ihnen also einen schönen Rand verpasst. Von Italien aus gehen die Stücke retour nach Meidling – und von dort aus an die weiteren Bestimmungsorte. In der Wohnung stapeln sich die runden Dosen, in denen er die Stecktücher verkauft. Diese gehen als Vorführstücke an Boutiquen – in der Hoffnung, dass die eine oder andere sie in ihr Programm aufnimmt. Dass er international denkt, hat wohl mit seiner Biographie zu tun: Er kommt aus Donaueschingen, sein Wirtschaftsstudium absolvierte er in Heilbronn. Danach arbeitete er in Ungarn und Rumänien, bis es ihn nach Wien verschlug.

„Der britische Gentleman hatte ein richtig schön gefaltetes Einstecktuch. Es gab eine Regel, dass man zwei Stecktücher hatte: ‚One to blow and one to show’, also ein schönes, weißes, das man herzeigt, und eins, das man versteckt und in das man sich schnäuzt.“ Arnim Wahls

Schon in den Dosen sind die Tücher „zerknüllt“, wie es der Süddeutsche ausdrückt. Natürlich ließen sich die Stecktücher falten, meint er. „Aber sie sind mehr zum wild reinstecken.“ Allzu groß ist der Widerspruch allerdings nicht, mit dem er bei seinen Tüchern spielt: „Das Strecktuch ist einerseits ausgefallen, unangepasst. Andererseits stellt es den urbanen Kavalier dar, der sich gut zu kleiden weiß, aber nicht jeden Tag eine grauen  Anzug tragen möchte.“

Die Marke von Wahls und Weihbrecht nennt sich im Übrigen Phetberg – im Unterschied zum Wiener Künstler Hermes Phettberg allerdings mit einem t. Die Stecktücher seien eine „Hommage an das Unangepasste“, das in Österreich wohl von kaum einer Person so deutlich verkörpert wird wie von Phettberg: „Die kleinen Makel und Ecken machen das Leben erst interessant und genau das gleiche gilt für die Kleidung“, meint Arnim Wahls.

Fürs „täglich Brot“ arbeitet Wahls weiterhin als selbständiger Personalberater, außerdem ist er als Gründer bei einem IT-Startup mit dabei. Weihbrecht wiederum arbeitet im Büro des deutschen Tourismusverbands in Wien. Auf Dauer soll sich das Geschäft mit den Stecktüchern zumindest selbst tragen, wenn es nach den beiden geht – und dabei etwas Besonderes bleiben: „Das bleibt es nur, wenn man es ein bisschen streut. Deshalb ist unser Ziel, eine Boutique in jeder Modemetropole zu haben.“ Inzwischen verkaufen sie ihr Produkt in den USA und Kanada und versuchen gerade, auf den asiatischen Markt zu kommen.

„Ich wollte etwas haben, wo die meisten sagen ‚Das ist völlig verrückt!’ und einer sagt ‚Cool, genau das habe ich gesucht!’“ Arnim Wahls

In Meidling sind Wahls und Weihbrecht per Zufall gelandet, inzwischen haben sie dort so etwas wie eine „Heimat“ gefunden: „Seitdem es diese Dynamik am Meidlinger Markt gibt“, sagt Wahls. Er schwärmt von der dörflichen Atmosphäre, die dort inzwischen entstanden ist. Dabei zieht er Parallelen zwischen Meidling und seiner Studentenstadt Heilbronn. Diese Stadt habe zwar wenig Charme: „Aber auch da ist in den kleinen Ecken und Gassen hinter den grauen Fassaden viel passiert, das man sich von außen nicht erwartet hätte.“ So wie das graue Haus ohne Boutique und Firmenschild, von dem aus Wahls und Weihbrecht ihre Stecktücher gerne in die ganze Welt verkaufen würden. (Sonja Fercher)

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