• #kommraus – Forum Öffentlicher Raum

Was ist der öffentliche Raum? Es ist der Ort, an dem wir alle zusammenkommen – außerhalb von den eigenen vier Wänden oder dem Büro. Er beginnt dort, wo du deine Haustür hinter dir zuziehst und schaust, was als nächstes passiert. Der öffentliche Raum ist demokratisch, manchmal überraschend, oft unterhaltsam und lebhaft. Er ist es, der unsere Stadt zu mehr als einer bloßen Ansammlung an Individuen macht: nämlich zu unserem gemeinsamen Zuhause.

Der öffentliche Raum soll stetig besser werden. Und dafür hat die Stadt Wien nicht nur ein Strategiepapier geschrieben, sondern veranstaltet im Mai 2019 ein dreitägiges Forum, um alle Menschen an ihren Ideen teilhaben zu lassen und gemeinsam den öffentlichen Raum zu entdecken und zu feiern. Kuratiert wird das Event von Beatrice Stude, einer selbstständigen Stadtplanerin, Florian Lorenz, interdisziplinärer Planer und Kommunikationsexperte, und Eugene Quinn, Urbanist und DJ.

In einer humanen Stadt fällt dem Raum zwischen den Häusern – also den Straßen, Märkten, Plätzen und Grünräumen – genauso viel Gewicht zu wie den Häusern selbst. Das ist mittlerweile kein Geheimnis mehr: Das Thema ist gerade so aktuell, dass der Titel der Biennale in Venedig „Freespace“ lautete im Sommer 2018.

Das #kommraus – Forum Öffentlicher Raum will mit gutem storytelling, starken Ideen und experimentellen Formaten eine breite HöhrerInnenschaft erreichen: von Theaterstücken, Spielen, Talks und Debatten, Kunst, über Essen, Spaziergänge, Musik und Tanz ist für alle etwas dabei.

Wir laden alle WienerInnen dazu ein, diese einmalige Chance zu ergreifen, die volle Bandbreite des öffentlichen Raumes in ihrer eigenen Stadt zu entdecken. Auch wenn wir uns alle täglich im öffentlichen Raum aufhalten, denken wir selten bewusst an ihn. Wir wollen den öffentlichen Raum sichtbarer machen.  Wie beeinflusst die Stadtentwicklung eigentlich die Leute? Und in welcher Stadt wollen wir in Zukunft leben?

Im Frühling 2019 könnt ihr euch auf verschiedenen Abenteuern durch die Stadt über eure Erfahrungen und Perspektiven mit anderen austauschen. Denn zu Fuß gehen verbindet uns alle – über Nationalität, Geschlecht oder Alter hinweg. Wir wollen neue Netzwerke schaffen und einen Dialog ermöglichen zwischen unterschiedlichen Gruppierungen, darunter Politiker, Verwalter und Beamte sowie unabhängige Initiativen.

Das Forum hat einen ungewöhnlichen Ansatz: es wird keine Festivalzentrale geben, sondern über die ganze Stadt verteilt stattfinden. Wir bekennen uns damit zum Lokalen: zum Engagement in Gemeinschaft und Grätzel. Das Wort „Forum“ zielt ab auf maximale Teilhabe, interaktive Debatten und lösungsorientierte Prozesse. Wir holen das Crowdsourcing buchstäblich aus der digitalen in die physische Welt.

Wie kreiert man eigentlich guten öffentlichen Raum, wie versteht und verbessert man ihn? Reduziert auf einen Hashtag lautet die Botschaft des Forums: GestalteDeineStadt. Das Fachkonzept hat dabei fünf Fokusbereiche: lebendig und divers, sozialgerecht und genderneutral, ökologisch und robust, lehrreich und dynamisch, teilhabefördernd und ein Zugehörigkeitsgefühl bildend. Treten wir raus aus unseren Filterbubbles in der online-Welt auf die Straßen im öffentlichen Raum zu allen, die mit uns in der Stadt leben.

Die zukünftige Gestaltung des öffentlichen Raumes sieht sich einigen Herausforderungen gegenüber. Wir leben in einer wachsenden Stadt: die Straßen werden lebhafter, der Tourismus boomt und bringt mehr Menschen in einige Stadtteile. Außerdem müssen wir angesichts steigender Temperaturen gegen einen Klimakollaps in der Stadt ankämpfen. In immer heißeren Tagen suchen immer mehr Menschen Abkühlung im öffentlichen Raum – am Wasser oder unter Bäumen, bei Public Viewings, Open Air Konzerten oder Filmvorführungen im Freien.

Eine starke Gemeinschaft fördert den sozialen Zusammenhalt und ist gut für die mentale und körperliche Gesundheit. Wie können sich die verschiedenen Gruppen im öffentlichen Raum willkommen fühlen? Einsamkeit ist für die Gesundheit schädlicher als Rauchen und Trinken zusammen. Und sie betrifft jede Altersgruppe. Ein guter öffentlicher Raum kann der Einsamkeit entgegenwirken, denn er bringt Menschen zusammen – über Gespräche, Sport oder einfach ein Lächeln.

Wenn in der Zeitung vom öffentlichen Raum die Rede ist, dann meist, weil Parkplätze wegfallen, selten liest man von zwischenmenschlichen Interaktionen auf den Straßen und Plätzen. Weniger Platz für Autos heißt mehr Platz für Menschen. Autos sind zu 98% des Tages inaktiv und bringen unserem sozialen Leben wenig, besetzen dabei aber wertvollen Raum in der Stadt.

Historisch gesehen war der öffentliche Raum schon immer der Ort, wo sich Menschen getroffen haben, um sich zu sozialisieren, einzukaufen oder politisch zu engagieren. Genau diese Tätigkeiten finden mit dem Aufkommen neuer Technologien immer mehr online statt. Laut dem amerikanischen Philosophen Matthew Passmore ist die Beziehung zwischen Technologie und öffentlichem Raum vergleichbar mit dem Zwischenspiel aus Fotografie und Kunst. Wie hat die Kunst damals auf den Erfolgszug der Fotografie reagiert? Die Kunst hatte durch das Aufkommen der Fotografie die Gelegenheit, abseits der reinen Repräsentation der Wirklichkeit neue Formensprachen zu entwickeln. Weltweit gibt es neue urbane Interventionen auf kleinmaßstäblicher Ebene: wie beim Experimentieren im Labor entdecken sie das volle Potenzial einer Stadt auf spielerische Art. Sie bieten Raum für informelle, soziale Zusammenkünfte, beim Essen mit Freunden und Fremden, beim Tanzen und Singen, beim Freisein.

Allein der Spaziergang durch die Stadt ist schon eine Feier des öffentlichen Raumes, ganz besonders wenn engagierte BürgerInnen in ihrer eigenen Stadt zusammen spazieren. Genau dafür bietet das Forum ca. 20 verschiedene Touren zum neuen öffentlichen Raum in Wien: von einer Geruchstour über Mitternachtsspaziergänge über inklusive und barrierefreie Abenteuer bis hin zu einem langen Marsch durch jeden Bezirk an einem Tag.

Die legendäre Urbanistin Jane Jacobs hat gesagt: ‘Cities generate economic growth through networks of proximity, casual encounters and “economic spillovers.“’

Die einzigartige Kreativität in florierenden Städten wie New York sind das Ergebnis dynamischer Interaktionen von verschiedenen Netzwerken, die ihr Wissen, ihre Ideen und gemeinsamen Möglichkeiten miteinander teilen. Viele dieser Interaktionen ergeben sich im Alltag, auf öffentlichen und halb-öffentlichen Plätzen, Nebenstraßen und Cafés. Mögen formellere und digitale Verbindungen diese Netzwerke zwar unterstützen, so werden sie den räumlich verankerten Austausch und physische Begegnungen wohl niemals ersetzen können.

Laut Jane Jacobs sind allgegenwärtige menschliche Kontakte das Fundament für die Ökonomie und Umwelt einer Stadt. Umgekehrt leidet die städtische Lebensqualität an ausgeschlossenen oder isolierten Bevölkerungsgruppen genauso wie an fragmentierten, autoabhängigen oder anderweitig abgeschnittenen Stadtteilen. Zufällige und alltägliche Begegnungen auf dem Gehweg oder anderen Orten sind der Grund, dass sich Dinge in der Stadt verändern und der Wohlstand wachsen kann.http://www.citylab.com/design/2014/09/5-key-themes-emerging-from-the-new-science-of-cities/380233/?utm_source=SFFB

Wien ist bekannt für seine Bürokratie. Wir wollen zeigen, wie schnellere, effiziente und pragmatische Entscheidungsfindung aussehen kann. Gut gemachtes und cooles place-making kann Leute inspirieren. Gleichzeitig gibt es neue Formen des Engagements. Die Würstelstand-Sprechstunden sind ein kreatives Beispiel für PolitikerInnen, die Debatten dorthin bringen, wo die Menschen sind, nicht umgekehrt: der Floridsdorfer Bezirksvorsteher Georg Papai kommt bei lokalen Essensständen bei seiner Sprechstunde mit den BürgerInnen und ihren Wünschen und Geschichten direkt in Berührung.

Es ist ein tolles Gefühl, sich einer Stadt zugehörig zu fühlen – und sich im öffentlichen Raum zu bewegen, ist dabei sehr zentral. Wir wollen die Kraft und das Potenzial lokaler Gemeinschaften in der Stadt feiern. Wir wollen alle Ideen und die gesammelte Energie nutzen, um neue Netzwerke zu schaffen.

Das „Kapital der Straße“ ist ein Maßstab dafür, wie viel Freude und Entertainment auf den Straßen einer Stadt zu finden sind. Und genauso für das Gegenteil: wie kalt und stumpf Straßen sein können, weil es an Menschen und Begegnungen, gemeinsamen Spiel und Interaktion mangelt. Versuch doch das nächste Mal, wenn du eine Straße entlang gehst, zu beobachten, wie viel Spaß du dabei hast. Es wird sicher eine neue und ungewohnte Erfahrung sein – nicht zuletzt, weil du vielleicht bemerkst, dass reichere Nachbarschaften eher leer und langweilig, weniger reiche und diversere Grätzel dagegen voller Straßenleben sind.

Viele WienerInnen denken instinktiv an Wald und Wiese, wenn sie einen Spaziergang planen. Mit unserem Forum wollen wir anregen, mehr im städtischen Raum zu spazieren. Ein Drittel aller WienerInnen verlässt die Stadt für mindestens fünf Stunden am Wochenende. Dieses Phänomen der Stadtflucht ist schlecht für die lokale Wirtschaft, da die Leute ihr Geld nicht dort ausgeben, wo sie es verdienen. Auch ökologisch ist dieser Lebensstil bedenklich, wenn man zwischen Haupt- und Ferienwohnsitz wöchentlich mit dem Auto pendelt und dabei ein Haus immer leer steht. Aber vor allem leidet das soziale Leben einer Stadt darunter, wenn ihre EinwohnerInnen am Wochenende einfach nicht da sind.  Während Berlin und London am Freitagabend aufwachen, geht Wien ins Bett. London ist eine 24/7- Stadt, Wien nur eine 4,5 Tage-pro-Woche-Stadt.

Beim öffentlichen Raum geht es um die Leute und ihre Beziehungen. Geh raus und genieß es, in deiner Stadt zu leben, mit all ihrer Spontanität, den zufälligen Begegnungen und dem Klatsch und Tratsch. Musik dabei auf den Ohren zu haben, ist zwar cool und motivierend, aber es hält dich leider auch davon ab, mit anderen zu interagieren. Also genieß doch das nächste Mal den Soundtrack deiner Stadt ganz ohne Kopfhörer und gib dich spontanen Situationen hin.

Auch wenn wir die nationale Politik vielleicht nicht direkt beeinflussen können – unsere Nachbarschaft können wir sehr wohl direkt verändern. In immer dunkleren und wütenden Medienfeeds entfernen wir uns von unserer tatsächlich gelebten Realität: unser Leben spielt sich in unserem Grätzel ab und nicht alles, was die Zeitungen über die Stadt schreiben, ist auch in Wirklichkeit so.

Unser Forum bietet die Basis für neue Kollaborationen und Bürgerengagement. Damit möchten wir die BürgerInnen daran erinnern, dass sie Verantwortung übernehmen, Netzwerke bilden oder nationalen Trends widerstehen können. Der Neue Urbanismus ist eine aktuelle Bewegung, bei der es um Gemeinschaftsbildung mit ökologischem Fokus geht. Er ist ein gutes Beispiel für eine ambitionierte und immer einflussreicher werdende Problemlösungsstrategie in der Stadt. Alte hierarchische Strukturen lösen sich langsam auf und verteilen sich in der Stadt. Um eine für die BewohnerInnen passende Stadtentwicklung zu ermöglichen, muss man wissen, wie die Stadt von der Straße her angefangen funktioniert.

Die Stadtrankings der vergangenen Jahre zeigen immer wieder, wie viel guten öffentlichen Raum die Stadt Wien zu bieten hat. Straßenmärkte, Plätze und das öffentliche Verkehrsnetz sind Orte der Demokratie und Diversität. Entgegen globaler Trends zu steigender Ungleichheit vereint uns der qualitative öffentliche Raum in Wien – jung und alt, arm und reich, BesucherInnen und BewohnerInnen. Das ist nicht selbstverständlich für eine Stadt.

Wir sehen uns beim #kommraus Forum Öffentlicher Raum vom 16. – 18. Mai auf all den Abenteuern in Wien!

Offizielle Webseite: http://www.kommraus.wien